Kunsthistorikerin / Buchautorin / Storytelling

Logbooks (Biografisches Schreiben)

Seit 2016 begleiten Logbook-Workshops Menschen in Übergangssituationen (z.B. junge Geflüchtete, Auszubildende, Studierende). Übergangsprozesse unterscheiden sich von „normalen“ Veränderungen dadurch, dass sie mit einem Identitätswechsel verbunden sind. Sie folgen bestimmten Mustern, die man erkennen, trainieren und gestalten kann.

Die Logbooks sind ein kreativer Mix aus professionellen Arbeitsmaterialien, Tagebuch und Scrapbook. Schlüsselfragen, Grafiken, Landkarten, „Scraps“ und Fotos dokumentieren das Woher und Wohin.

Pilotprojekt war 2016/17 der einjährige Logbook-Kurs im Rahmen des städtischen Flüchtlingsprojekts angekommen in deiner Stadt Münster.

In einem geschützten Rahmen kamen junge Geflüchtete im Alter zwischen 15 und 21 zusammen, um ihre Geschichte zu erzählen und aufzuschreiben. Die Logbooks halfen, die Ereignisse und Eindrücke der Flucht festzuhalten, zu sortieren und zu verarbeiten. Kreatives Gestalten liefert rasch Erfolgserlebnisse, nicht zuletzt, weil die Fortschritte mit jeder neuen Seite sichtbar werden.

Großvaters Tod

Mahdi, 17 Jahre

In den letzten beiden Jahren, als ich schon ich Deutschland war, sind viele von meinen Verwandten gestorben. Es hat mich sehr traurig gemacht, dass ich nicht zu Hause sein konnte, um meiner Familie zu helfen. Besonders als mein Großvater starb.

Bei uns ist es so, dass viele Verwandte und Freunde kommen und sich um die Familie kümmern, in der ein Mensch gestorben ist. Die Abschiedsrituale dauern mehrere Tage und Nächte. Damit alles gut gelingt, bringt man Essen mit, redet miteinander und erinnert sich gemeinsam. Dann fällt allen der Abschied leichter, der Familie, den Freunden, aber auch den Seelen der Verstorbenen, die ja den Weg ins Paradies erst finden müssen.

Mein Großvater starb ganz plötzlich. Als ich mich vor zweieinhalb Jahren von ihm verabschiedet habe, um nach Deutschland zu gehen, dachte ich, wir würden uns noch einmal wiedersehen. Es war eine schlimme Zeit für mich, weil ich bei der Beerdigung meines Großvaters dabei sein wollte. Da gab mir ein Freund den guten Rat, einen Brief an meine Familie zu schicken. Darin könnte ich alles in Ruhe auf-schreiben, was ich sagen möchte, und ein Teil von mir wäre dann dort, bei meinen Eltern, Geschwistern, meiner Großmutter, meinen Freunden und der restlichen Familie.

Und das ist der Inhalt des Briefes. Ein paar Worte habe ich für Euch in Lautschrift geschrieben, damit ihr wisst, wie meine Muttersprache Dari klingt.

Kanevadeye Azizam (liebe Familie),

es tut mir so leid, dass ich gerade in diesem Moment nicht bei euch bin. Ich würde so gerne helfen.

Als ich noch bei euch war, habe ich mich immer glücklich gefühlt. Arra Junn (Großvater, eigentlich: lieber Herr) war noch am Leben und ich habe ihn oft besucht. Jetzt geht das nicht mehr.

Ich wünschte, ich könnte Euch in nächster Zeit besuchen, ich vermisse euch so!

Und ich hoffe, dass Ihr immer gesund bleibt.

Pesaretan Mahdi (Euer Sohn Mahdi)

Der Brief kam gerade rechtzeitig an. Mein Vater hat ihn vor den vielen Leuten, die wegen meines Großvaters zu uns nach Hause eingeladen waren, vorlesen lassen. Alle freuten sich und sagten, er könnte sehr stolz sein, einen Sohn wie mich zu haben.

Ich versuche, meine Familie stolz zu machen, das ist mein Ziel.

 

Nachtrag 2021: Mahdi kam vor zweieinhalb Jahren unbegleitet von Afghanistan nach Deutschland und hat ungewöhnlich schnell in Münster Fuß gefasst. Er war von Anfang an im Logbook-Projekt und hat uns alle durch seine Lebensweisheit und seine Freude am Lernen berührt. Weil er in seinem Leben nicht immer Gelegenheit hatte zur Schule zu gehen, sind seine raschen Fortschritte umso erstaunlicher. Mahdi hat eine Ausbildung zum Konstruktionsmechaniker mit großem Erfolg abgeschlossen und wurde von der Firma übernommen.

Der Brief wurde im Buch Spuren suchend veröffentlicht.